KRETA

Meine Reise ins Land der Götter und Mythen,

des Immergrüns und des Lichts

Ein Bekenntnis

von Margaretha Rebecca Hopfner

Ja, wie soll ich nun beginnen mit meinem Reisebericht, der Einblick gewähren soll in eine Reise, die sowohl eine "nach innen zu mir" war, ist und sein wird, als auch in das Land führt, in dem europäische Kultur ihren Ausgang nahm. Ein Land, dessen Geschichte so atemberaubend schön, aber auch so gefährlich verlaufen ist und menschliches Handeln zugleich von solch tiefer Unmittelbarkeit der Gefühle und Gedanken angetrieben wird, wie seine Landschaft buchstäblich alle Höhen und Untiefen durchmißt, den Blick in die Weiten des Meeres ebenso schickt, wie er ihn an schroffen Felshängen abbprallen und sich in Schluchten und Höhlen, den Geburtsstätten und Horten kretischen Lebens, verlieren und in seiner ganzen Blütenpracht versinken läßt ... Eine Reise, die einmal begann vor ein paar Jahrzehnten, die mich an den Anfang meiner Welt führte und die nie zu Ende sein wird ... Meiner Reise nach Kreta, in mein "erstgeborenes Land" (Ingeborg Bachmann)!

Zum ersten Mal begegnete ich Kreta in Gestalt von Erzählungen einer Studienfreundin vor mehr als zwanzig Jahren. Sie erzählte mir nicht oft von Kreta. Ich glaube, sie war nur ein oder zweimal dort für einige Wochen, aber ihre Schilderungen waren so eindringlich und nuanciert und hinterliessen einen derart nachhaltigen Eindruck in meinem Gedächtnis, dass ich fortan in einem Hinterzimmer meiner Gedankenwelt von Kreta als "meinem" Paradies träumte. Ich "sah", ohne mir je ein einziges Buch über Kreta anzusehen, Olivenhaine, kretische Menschen darin, blütenüberflutete Wiesen, ich sah Kretas Berge und das Meer, ich roch Kräuterduft und Ziegenherden. Ich fühlte die Wärme, und Licht, das Licht der Sonne Kretas drang in meine Seele. Dort wollte ich irgendwann einmal selber hin! Nicht, dass ich nun mein ganzes Tun darauf ausrichtete, auch tatsächlich nach Kreta aufzubrechen, nein, es war zunächst für Jahre nicht mein bevorzugtes Reiseziel. Obwohl ich mehrere Male in Griechenland weilte, sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis ich mich tatsächlich und nicht "nur" in Gedanken auf den Weg machte nach Kreta. Eigentlich danke ich einem Berufskollegen, einem passionierten Griechenlandfreund, der Kreta auch schon aus mehrmaliger eigener Erfahrung und Anschauung kannte, den Entschluss, aufzubrechen. Er half mir bei der Klärung einer unbedeutenden finanziellen Angelegenheit, ein wenig Geld stand mir nun zur Verfügung und ich investierte es spontan und ohne langes Überlegen in die Verwirklichung meines Traumes. Der Betrag war so gering, dass es nur ein Kurzurlaub, eine Woche also, werden konnte, eine Woche allerdings, in der sich all das bewahrheitete, wovon ich all die Jahre buchstäblich nur träumte.

Georgioupolis im Nordwesten der Insel, Georgsstadt nach Prinz Georg, dem Hochkommissar von Kreta am Beginn des 20. Jahrhunderts, benannt, bestückt mit einer Allee himmelhoher Eukalyptusbäume, die seinerzeit gerade zu Ehren dieses Prinzen Georg gepflanzt wurden, war der Ort auf Kreta, in dem ich meine erste Nacht verbrachte. Von dieser Nacht blieb allerdings nicht allzuviel übrig, denn wir kamen erst in ihrer zweiten Hälfte im Hotel an; nach einer Mondscheinfahrt, die entlang der Küstenstraße im Norden führte, vorbei an den Silhouetten der Hügel und Berge zur linken und am Meer, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte, nun vom Silberschein übergossen, lauwarme Luft atmend. Während der gesamten etwa eineinhalbstündigen Busfahrt von Heraklion nach Georgioupolis konnte ich immer und immer wieder nur denken: Endlich bin ich da! Endlich in Kreta! Kaum einer der Reisenden sprach im Bus, die meisten zogen sich müde in sich zurück oder aber sogen wie ich mit Inbrunst den Duft Kretas in sich auf. Ich hatte Ruhe, um zu denken, zu schauen, zu hören, mit dem Meer zu atmen. Schon bei dieser meiner ersten nächtlichen "Landnahme" vollzog sich in mir jener innere Vorgang, den der grosse kretische Schriftsteller Nikos Kasantzákis so beschrieben hat: "Kretas Geheimnis ist tief; wer seinen Fuß auf diese Insel setzt, spürt eine seltsame Kraft in die Adern dringen und die Seele weiten ..." Ich war endlich angekommen in meinem geliebten Land.

Als meiner erster kretischer Tag anbrach und ich in sein gleissendes Licht blinzelte, war ich ein bisschen enttäuscht. Wenig gepflegt wirkte die Schotter-Sand-Piste, die zur Hotelanlage führte, und die dahinterliegenden Felder waren nur mangelhaft bewirtschaftet. Ein paar schmutzige Schafe standen scheinbar wahllos verstreut darin herum, Gummileitungsrohre und Abfälle da und dort. Auch war der hoteleigene Zugang zum Strand eine eher holprige Angelegenheit und der Strand selbst wenig einladend für ein Sonnenbad. Aber dennoch erfasste mich vom ersten Tag an ein alle meine Fasern durchdringendes Wärmegefühl, das allmählich in eine tiefe Zufriedenheit überging. Spätestens an meinem zweiten Tag in Kreta war mein austriakischer Missmut endgültig verflogen, und ich begann mich ohne weiteren besonderen Grund glücklich, einfach von Grund auf glücklich zu fühlen. Und genau diese Verwandlung in mir kenne ich inzwischen sehr gut, sie wiederholt sich jedes Mal, wenn ich nach Kreta komme. Zum ersten Mal tauchte ich an diesem meinem ersten kretischen Tag ein in das kristallklare Meerwasser, ließ mich am Rücken liegend von den Wellen schaukeln und fühlte mich, als wäre ich zurückgekehrt in den mütterlichen Schoss. Vor mir endlose Weite, eine undeutliche Grenze zwischen Himmel und Erde am Horizont, und landeinwärts stieg mein Blick die Hügel hinan bis sie zuletzt auf den silbrig schimmernden Gipfeln der Weissen Berge – der Lefka Ori, wie sie in Kreta heißen – ankamen. Das Meer hüllte mich, trug mich und wiegte mich beruhigend, sagte mir, du gehörst zu mir, und die Berge sagten, wir sind auch für dich da, wir warten auf dich, komm ... Und über allem Licht, Licht, Licht ...

Über das griechische Licht will beinah jeder etwas sagen, der hier in Griechenland war, schöne Sätze sind schon gefunden worden für diese Lichtmagie. Und auch ich fühle den unwiderstehlichen Wunsch, das meinige über das Licht Kretas auszusprechen, mitzuteilen und somit zu teilen mit Menschen, die es schon ähnlich erlebt haben oder aber Neugierde zu wecken bei jenen, die es ebenso nach "Erleuchtung" drängte und drängt wie mich immer und immer wieder ... Die Sonnenstrahlen schmeicheln mir und das Licht dringt bis in die letzte Faser meiner Existenz, durchleuchtet den kleinsten und modrigsten meiner Seelenwinkel, beschwingt die müden Gedanken und vertreibt böse Wintergeister. Ich lasse mich erhellen, mein Knochenmark erwärmt sich und das Blut beginnt zu prickeln, ich fange wieder an lebendig zu sein und mein pulsierendes Leben wahrzunehmen. Schön ist es, auf dieser lichterfüllten Welt zu sein, auf fester kretischer Erde zu stehen, vom Meer geborgen.Und doch muss ich auch auf der Hut sein vor zu intensiver Bestrahlung durch die Sonne, schütze ich meine Haut mit Schattenspendern aller Art, hüllender Kleidung und hochwertigen Cremes, tun mir die Augen beim ersten Blick hinaus in den kretischen Tag beinahe weh, fangen an zu tränen, weil sie diese Lichtintensität zunächst nicht ertragen können. Auch sie wollen Schutz und ich muss teure Sonnenbrillen tragen, um die Kraft des Lichts überhaupt auszuhalten. Und dennoch ist es das Licht Kretas, das in mir das Wunder vollbringt, indem es mir die Wunder des Lebens wieder zeigt.

Die Wunder des Lebens ... Licht, Wärme, Wind, das lebenspendende Meer und schneebedeckte Bergipfel, karge, ausgetrocknete, felsige Hügel und kultiviertes Land, in dem Milch und Honig fliessen, eine Blick in die Geschichte, der achttausend Jahre zurückreicht und Menschen, deren Fühlen, Denken und Handeln so unmittelbar der Erde zu entsteigen scheint, wie quellendes Wasser, deren Aussehen so knorrig wirken mag wie ein tausende Jahre alter Olivenbaumstamm oder aber so frisch wie blühender Oleander. In Kreta ist alles eins, vereinigen sich die Gegensätze, hier scheint es mir, als wären wir mit unserem ganzen Menschsein aufgehoben ...

Dieses Land habe ich angefangen zu erkunden, schon bei meinem allerersten Aufenthalt dort. Ich schliesse ich mich in der Regel im Rahmen von gebuchten Ausflugstouren Reisegruppen an, mit denen ich jeweils einen ganzen Tag unterwegs bin: Da stand damals bei meinem Aufenthalt eine Wanderung durch die weltberühmte 16 km lange Samaria-Schlucht, einem europäischen Naturdenkmal und Ort zahlreicher historischer Ereignisse, ebenso auf dem Programm wie eine Fahrt ins Reich der Minoer nach Knossos, dem Palast mit seinem sagenumwobenen Labyrinth, in welchem der Minotaurus dem Mythos zur Folge gefangengehalten wurde, und eine Radtour vom Bergdorf Miriokefala über Argyroupolis und den Kournas-See zurück nach Georgioupolis. Und obwohl mir nur eine Woche Zeit blieb, nahm ich mehr an Eindrücken mit nach Hause, als ich mir je erträumt hatte.

Inzwischen bin ich mehrere Male in mein Paradies zurückgekehrt, habe mich an Milch und Honig gelabt und mich von Düften, Farben, Meerrauschen und dem Gesang des Windes verzaubern lassen, habe ich versucht, die Stimmen aus den Tiefen der Geschichte zu vernehmen und mich von Rheas Kindern in ihren Bann ziehen lassen ... Meine erste Liebe zu Kreta ist in die Tiefe meiner Person vorgedrungen und hat dort einen dauerhaften Ort erobert. Ich weiss heute, dass mir Kreta ein zweites Zuhause geworden ist, dass ich immer wieder heimkehren werde nach Kreta ...

M.R. Hopfner, Wien, ©2001-2004, Alle Rechte vorbehalten.

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