GOURNIA

Eine minoische Blume am Straßenrand

von Margaretha Rebecca Hopfner

Unterwegs nach Sitia im Osten Kretas war ich mit dem Auto, und beinahe wäre ich einfach vorbeigefahren an Gournia und seinen archäologischen Resten einer minoischen Siedlung, die sich in unmittelbarer Nähe zur Hauptstraße befindet, welche von Agios Nikolaos nach Sitia führt ... wie man so oft achtlos vorüberzieht an den verborgenen Schönheiten, die geduldig ihr stilles Dasein am Rande unserer Geschäftigkeit ertragen. Gerade noch erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf das Ausgrabungsgelände, stoppte die zügige Fahrt abrupt und parkte mein Vehikel am Straßenrand. Ich hatte bereits die Besichtigung der Palastruinen von Malia absolviert, konnte mich nun nicht lange aufhalten und betrachtete Gournia ausgiebig aus einer Perspketive östlich des Ortes, die mir eine Gesamtansicht gewährte.

Über eine sanfte Hügelkuppe - etwa 100 Meter vom Meer am Golf von Mirambello entfernt - breitet sich das Netzwerk aus tausende Jahre alten Grundmauern, die – so las ich jedenfalls – beim inneren Durchschreiten gelegentlich sogar Schulterhöhe erreichen sollen, einem großen offenen Blütenkelch gleich ovalförmig aus. Diese architektonische Struktur mit ihren ineinander verschachtelten Häusern und engen Gässchen erinnert an das heute noch charakteristische Erscheinungsbild kretischer Dörfer, auch die Position auf der Anhöhe eines Hügels habe ich gerade auf dieser Wegstrecke ins östliche Kreta bei mehreren gegenwärtigen Ortschaften – Lastros etwa – festgestellt. Bereits um 3000 v. Chr. soll hier eine menschliche Siedlung existiert haben, die uns heute sich zeigende Stadt erlebte allerdings ihre Blütezeit in der Zeit der minoischen Paläste, insbesondere in der jüngeren Palastzeit. Die bis heute nicht ganz aufgeklärte Katastrophe um 1450 v. Chr., welche eine in reicher Blüte stehende kretische Hochkultur gleichsam in den Abgrund riß, besiegelte auch das Schicksal von Gournia. Mykenische Einwanderer siedelten sich in der Folge hier an, endgültig von Menschen verlassen wurde es aber dennoch um ca. 1200 v. Chr.

Ebenfalls aus der städtebaulichen Anordnung der Gebäude, Plätze und Straßen sowie aus den hier entdeckten Funden schließen Archäologen auf ein hochdifferenziertes kommunales Gemeinwesen, welches sowohl über ein kultisches und administratives Zentrum verfügte, als auch von handwerklichem Spezialistentum zeugt. Die Stadt besaß ein Wasserleitungssystem und wurde von einer Art Ringstraße umschlossen. Die Häuser verfügten über zwei bis drei Geschosse, deren erstes als Arbeitsstätte, Ställe und Vorratsräume gedient haben dürfte und die Obergeschoße, welche über eine Außentreppe begehbar waren, enthielten vermutlich den Wohnbereich. Eine Art Fachwerktechnik – die Minoer waren hochqualifizierte Bauingenieure, wie dies besonders eindrücklich und differenziert an den großen Palastanlagen nachvollzogen werden kann - wurde baulich realisiert, um die Gebäude gegenüber den Kreta schon damals immer wieder heimsuchenden Erdbeben sicherer zu machen.

Entdeckt und ausgegraben wurde Gournia ab 1901 unter Leitung der amerikanischen Archäologin Harriet Boyd-Hawes von der Universität Pennsylvania. Sein Name leitet sich her vom griechischen Wort für „Tränke“, denn es wurden in manchen der Häuser in den Boden eingelassene Tränken für Tiere vorgefunden. Ein weiteres Charakteristikum wird – wie dies für die Zeit der Minoer typisch zu sein scheint – im Fehlen einer Befestigungsanlage gesehen. Daraus unter anderem schließen Wissenschafter, dass die Minoer der damaligen Zeit kein Eindringen äußerer Feinde zu befürchten hatten. Eine Besonderheit an Gournia ist auch, dass es – neben den Palästen - die wohl am vollständigsten erhaltene minoische Siedlungsanlage auf kretischem Boden ist, welche uns reichen Einblick in das Alltagsleben und die gesellschaftliche Organisation der Mehrheit der minoischen Bevölkerung gibt, einer Zivilisation, deren hoher künstlerischer, technologischer und kommunaler Entwicklungsgrad und die auf dieser Ebene mögliche über viele Jahrhunderte aufgenfällige Friedfertigkeit uns in Staunen versetzt.

Wie eine unscheinbare Blume blüht Gournia am Straßenrand, blüht das ganze Jahr hindurch und erschließt seine feine vergangenheitsdurchwirkte Pracht jenem, der stehen bleibt, sich besinnt und eintaucht in einen duftenden Menschheitsfrühling ....

Folgenden Werken habe ich wichtige Hinweise für diesen Text entnommen:
Kreta. Dumont. Reisetaschenbuch. 7. Aufl. Köln. 1998.
Brinke, Margit und Peter Kränzle: Kreta. Reise Know-How Verlag. 2. Aufl. Bielefeld. 2000.
Fohrer, Eberhard: Kreta. 14. Aufl. Michael Müller Verlag. Erlangen. 2003.
Schneider, Lambert: Kreta. 5000 Jahre Kunst und Kultur: Minoische Paläste, byzantinische Kapellen und venezianische Stadtanlagen. Dumont Kunst-Reiseführer. Köln. 1998.
Vassilakis, Antonis: Kreta. Geographie – Geschichte – Museen – Archäologische Städten und Monumente. Athen.o.J.

M.R. Hopfner, Wien, ©2001-2004, Alle Rechte vorbehalten.

Home

PrivHomepage

Kreta-Fotos

Kreta-Artikel

Impressum

Google

Google Language Tool

Suchen in:
Suchbegriffe:
In Partnerschaft mit Amazon.de